München - ein bayerisches Sarajewo?

ABRAHAMS POST, Sommer 2009, S. 23-24

Wenn er noch häufiger käme, würde er eines Tages sagen können: "Ich bin ein Bavarian", meinte Großmufti Mustafa Ceric, als er im Sommerschloss der bayerischen Könige, im Hubertussaal in Nymphenburg, zu Gast war. Ein Jahr zuvor hatte das Oberhaupt der bosnischen Muslime auf Einladung der Freunde Abrahams das Audi Max der LMU gefüllt, um seine Vorstellungen von einem in Europa beheimateten, mit den Werten und Normen einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft verträglichen Islam vorzustellen (eine Dokumentation des Besuchs als ABRAHAMS POST SPEZIAL ist für 3,- Euro erhältlich). Am 22. November 2008 sollte ihm für seine Mitwirkung an der an die Christen der Welt gerichteten Dialoginitiative von 138 islamischen Autoritäten "A Common Word Between Us and You" ein Preis der Eugen-Biser-Stiftung verliehen werden. Am Vorabend der Preisverleihung konnten wir den Reisu-l-ulema für ein NYMPHENBURGER GESPRÄCH gewinnen, das der Journalist Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung mit ihm führte. Thema: "Islam in Europa - Neue Ansätze im Dialog".

Der Abend gewann unerwartet an Brisanz, weil ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers Vorwürfe gegen Ceric, die ein halbes Jahr zuvor durch die Medien gegangen waren, hochgekocht hatte, er unterstütze fundamentalistische Tendenzen. Dabei hatte der Journalist "übersehen", dass dabei entsprechende Äußerungen von Ceric in ihr Gegenteil verkehrt worden waren. Schon damals hatte der Großmufti in einem offenen Brief an Bunderskanzlerin Merkel bekräftigt: "Offenbar hat allein der Gebrauch des viel strapazierten Begriffs shari'ah genügt, um an meiner Argumentation vorbei auf falsch verstandene Stereotypen zu rekurrieren. Eine Interpretation und Anwendung islamischen Rechts, die nicht auf Zeit und Raum bezogen ist, ist aus islamischer Sicht verfehlt. Im Europa des 21. Jahrhunderts kann und muss islamisches Rechtsverständnis im Sinne eines von mir geforderten Gesellschaftsvertrages (social contract) mit den hier geltenden Werten von Staat und Gesellschaft harmonisieren, wie sie beispielhaft etwa im Deutschen Grundgesetz und nun auch im Vertrag von Lissabon niedergelegt sind." In Nymphenburg wiederholte Ceric, dass er beispielsweise aus seinem Verständnis von Scharia her ein erklärter Gegner der Todesstrafe sei. Am nächsten Tag konnte Bundesinnenminister Schäuble dann bei der Eugen-Biser-Preis-Verleihung darauf eingehen: "Wir werden lernen müssen, den Islam als Teil unserer Lebenswirklichkeit zu akzeptieren. Und wir sollten noch größere Anstrengungen unternehmen, um den Prozess des 'heimisch Werdens' der Muslime in Deutschland und Europa zu begleiten. Umgekehrt sind die Muslime Europas vor die Herausforderung gestellt, ihr Glaubensverständnis zu modernisieren. Dieser Prozess ist zentral für das Ankommen der Muslime in den modernen europäischen Gesellschaften. Der Islam muss sich ein Stück weit europäisieren, wenn die Muslime sich als europäische, deutsche und - weil wir nun hier in München sind - Münchner Muslime in ihre Lebensumwelt einbringen wollen."

In seiner Dankesrede schilderte Ceric die räumliche Nähe der Moscheen, Kirchen und Synagogen in Sarajewo mit dem gegen Ende des obigen Beitrags beschriebenen Bild; er zeigte sich beeindruckt von der Bereicherung des Münchner Stadtbilds durch die neue Ohel Jakob Synagoge und meinte dann, München habe ein Potential, "im guten Sinne ein deutsches oder bayerisches Sarajewo" zu werden.

(Stefan Jakob Wimmer)