"Gemeinsam den Namen der Religion reinigen"
Jakob Finci zu Gast bei den Nymphenburger Gesprächen

ABRAHAMS POST, Winter 2009/10, S. 16-17

Es war ein ganz besonderer Gast, der am 25. Mai den Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses füllte: der langjährige Präsident der Jüdischen Gemeinschaft eines maßgeblich muslimisch geprägten europäischen Landes. Während der Bosnien-Reise der Freunde Abrahams im Oktober letzten Jahres waren wir vom Besuch der Synagoge(n) in Sarajewo stark beeindruckt, und noch mehr davon, was wir über das beispielhafte Miteinander der Religionsgemeinschaften in diesem Land erfuhren (siehe dazu den Beitrag "Reiseeindrücke aus Bosnien und Herzegowina" in der 'Abrahams Post' Sommer 2009). Wie viele europäische Länder können - so wie Bosnien und Herzegowina - von sich sagen, dass es zu keiner Zeit in ihrer Geschichte Judenverfolgungen gab? Umso schrecklicher war der Einbruch der nationalsozialistischen und faschistischen Besatzung, als die jüdische Gemeinde im "europäischen Jerusalem" oder "Toledo des Balkans" beinahe ausgelöscht wurde. Im nächsten Krieg, der in den 1990er Jahren über das Land hereinbrach, war es die nur noch kleine Jüdische Gemeinde, die, keiner der Kriegsparteien zugehörig, humanitäre Hilfe für alle Bevölkerungsgruppen im belagerten Sarajewo und wo immer möglich im Land leistete. Nach dem Krieg war es Jakob Finci, der den "Interreligiösen Rat von Bosnien und Herzegowina" initiierte, um "gemeinsam den Namen der Religion zu reinigen" vom politischen Missbrauch.

Den prominenten Präsidenten der Jüdischen Gemeinschaft konnten wir während unserer Reise nicht antreffen, denn er war auf dem Weg in die Schweiz, wohin ihn sein Land als neuen Botschafter entsandt hat. Zusammen mit der Islamischen Gemeinde Penzberg luden wir ihn nun für die 'Nymphenburger Gespräche' nach München ein.

Den vollständigen Text seiner Rede in München dürfen wir im neuen Heft der 'Blätter Abrahams' 8, 2009, in deutscher Übersetzung veröffentlichen. Einige Auszüge:

"Wir müssen zugeben, dass die Religion im Krieg missbraucht wurde, und wenn Religion als ein Mittel gedient hat, um Spannungen und Hass zu schüren, dann wollen wir Religion jetzt als ein Mittel nützen, um zur Versöhnung beizutragen. ...

Vor dem letzten Krieg (wenn es denn der letzte war ...) haben vier (Religions-)Gemeinschaften Jahrhunderte lang in guten Beziehungen zusammen gelebt. Toleranz war einer der am meisten geachteten Bestandteile des täglichen Lebens für ganz normale Bürger in Bosnien und Herzegowina. Und sogar während eines so grausamen, blutigen Krieges wurden gut nachbarschaftliche Beziehungen aufrecht erhalten, und es erscheinen inzwischen Bücher, die Fälle von gegenseitiger Hilfe unter Angehörigen verschiedener Religionen beschreiben. Manche dieser bewegenden Berichte erinnern uns an ähnliche Geschichten aus der Zeit des Holocaust. Einige Juden wurden durch die Hilfe von Nicht-Juden gerettet, die dabei alles riskiert haben, einschließlich ihres eigenen Lebens, einfach nur um Nachbarn zu retten. …

Die Lösung für Bosnien - und ich möchte sagen für Europa - im Hinblick auf Religion liegt in der Verschiedenheit in Einheit. Die Verwirklichung der Gleichheit jeder Religion ist eindeutig notwendig, auch wenn das kein leicht zu erreichendes Ziel ist."

Den zahlreichen, überwiegend muslimischen Bosniern im Saal war anzumerken, dass der Jude Jakob Finci ihnen aus dem Herzen sprach. Schade, dass nur wenige jüdische Münchner diese Erfahrung miterlebt haben.

(Stefan Jakob Wimmer)